Ludwigsluster Jubiläen 2019

30 Jahre Mauerfall

30 Jahre Mauerfall - ein geschichtliches Ereignis, dass nicht nur das Leben im Osten, in der ehemaligen DDR, sondern auch im Westen Deutschlands für immer verändert hat. Zum 30-jährigen Jubiläum werden in den Medien die Ereignisse von damals wieder ins Bewusstsein gebracht, es kommen Zeitzeugen zu Wort und historische Dokumente erinnern an die Zeit von damals.  

Wir möchten an dieser Stelle ebenfalls an die Tage im Herbst 1989 erinnern und einen Blick zurückwerfen, jedoch aus dem ganz speziellen Ludwigsluster Blickwinkel.

Menschen in Bewegung

Ludwigslust im Herbst 1989

August. Unzufriedenheit der Bürger mit der Führung wächst, auch Ludwigsluster Bürger verlassen seit August über Ungarn die DDR. 

  1. Oktober. In der Wohnung von Herrn Ewert, Kanalstr. 12 in Ludwigslust, wird der Antrag auf Zulassung des „Neuen Forums“ formuliert und Friedensgebete für donnerstags vorbereitet.

  2. Oktober. Die Gruppe des Neuen Forums wird zum Rat des Kreises bestellt. Ihr werden Strafen angedroht für den Fall, dass sie „so“ weitermachen.
  1. Oktober. Stiftspropst Günther wird zum Rat des Kreises bestellt. Ihm wird gedroht, dass es Konsequenzen hätte, falls es zu demonstrativen Handlungen in Ludwigslust käme.
  1. Oktober. Eine Gruppe um Stiftspropst Günther, Pastor Romberg, Herrn Zimmermann, Herrn Ewert u.a. bereitet das Friedensgebet für den Abend vor. Um 19.30 Uhr ist die Stiftskirche so voll, dass auch der „große Saal“ im Stift geöffnet wird. Die Vorbereitungsgruppe teilte sich. In jedem der Räume wird ein Friedensgebet gehalten. Das Stiftsgelände wird auffällig von der Stasi beobachtet und die Kfz-Nummern in den anliegenden Straßen werden notiert. In der „BAMA“ sind „Kampfgruppen“ zusammengezogen worden. Alle Menschen verhielten sich gemäß einem Friedensgebet friedlich und alles verlief ruhig.
  1. Oktober. In der Stadtkirche versammeln sich Tausende Menschen und die Vorbereitungsgruppe entschließt sich, auch im Stift Friedensgebete zu halten. Junge Menschen erzählen von ihrer Erfahrung mit staatlichen Stellen und dem MfS. Es sind zum Teil erschütternde Berichte.
  1. Oktober. Gespräch mit dem Rat des Kreises. Die Vorbereitungsgruppe der Friedensgebete beschließt, nach diesem Gespräch nicht nur die Friedensgebete fortzusetzen, sondern am 4.11. um 16.30 Uhr zu einer Demonstration in Ludwigslust aufzurufen.

November. Erste Gespräche der SED-Parteiführung und des Rates des Kreises mit Bürgern hinsichtlich der wachsenden Unzufriedenheit. Offene Gesprächsrunde im VEB Schlachtbetrieb. 

  1. November. Friedensgebete um 18.00 und 20.00 Uhr in der Stadtkirche. Der Rat des Kreises lädt zu 19.30 Uhr zu einer Aussprache in den Saal des „Mecklenburger Hof“ ein. Der Vorwurf der staatlichen Stelle „...der Mob ist auf der Straße“.
  1. November. Mitglieder des Neuen Forums organisieren eine Demonstration in Ludwigslust. Trotz Anschuldigungen kommen viele Menschen um 16.30 Uhr in die Stadtkirche und anschließend versammeln sich bis zu 7000 Menschen auf dem Schlossplatz zur Demonstration durch die Stadt mit vielen, vielen Kerzen, die zum Teil vor der SED-Kreisleitung abgestellt werden. Forderungen werden laut – Reisefreiheit, Abschaffung von Privilegien, Rücktritt der Regierung.
  1. November. Diskussions- und Gesprächsrunde zwischen Bürgern und dem Vorsitzenden des Rates des Kreises in der Wilhelm-Pieck-Sporthalle, 2000 Bürger anwesend, Hans Jürgen Zimmermann als Vertreter des Neuen Forums erläuterte, dass das Programm des Neuen Forums erst im Dialog mit den Bürgern entstehen kann.
  1. November. Um 18.00 Uhr und 20.00 Uhr Friedensgebete. Im 2. Friedensgebet kommt die Nachricht: Die Mauer ist offen, aber niemand kann es glauben. Der 9. November leitet die politische Wende in Deutschland ein.
  1. November. Erste Ludwigsluster reisen in den Westen. Sie erzählen unglaubliche Geschichten von der Grenze, es werden spannende Gespräche geführt. Noch ist den Menschen nicht klar, ob alles gut geht und die politische Situation ruhig bleibt. Vor der Volkspolizei bilden sich lange Schlangen von Menschen, die eine Reisegenehmigung haben möchten und sie auch bekommen.
  1. November. Gespräch im Stift mit dem Rat des Kreises. In Ludwigslust bilden sich Arbeitsgruppen zu Fragen der Umwelt, der Versorgung der Bevölkerung, der Medizin, der staatlichen Aufgaben u.a. Die staatlichen Stellen müssen sich an verschiedenen Orten des Kreises dem Gespräch mit der Bevölkerung stellen. Die Bildung von Gruppierungen und Parteien geht weiter.
  1. November. SED – Kreisparteiaktivtagung: die Partei kämpft um Rückgewinnung des verlorenen Vertrauens, Kreisleitung der SED tritt zurück, Mitglieder kehren der Partei massenhaft den Rücken.
  1. Dezember. Neues Forum organisiert eine Menschenkette „Ein Licht für unser Land“ von Grabow über Ludwigslust nach Neustadt-Glewe. Die Menschenkette ist Zeichen der Entschlossenheit für eine demokratische Erneuerung.
  1. Dezember. Die Arbeitsgruppe (AG) „Korruption und Amtsmissbrauch“ wird gegründet. Auch hier sind Gemeindeglieder aus Ludwigslust und Umgebung aktiv.
  1. Dezember. Das Stasiobjekt „Waldhaus“ an der Lenzener Chaussee wird von der AG geöffnet und der Stadt Grabow übergeben. Noch in der selben Nacht wird das Stasiobjekt „Bahnhaus“ besetzt und dann übergeben. Am nächsten Tag wird das Gebäude der Stasi in Ludwigslust von Bürgern und der Polizei besetzt. In den folgenden Tagen werden 125 Säcke mit Akten nach Rampe eingelagert. Leider werden dort noch viele Akten vernichtet. Alle Waffen wurden eingezogen und gehen ebenfalls nach Rampe.
  1. Dezember. Im Gottesdienst zum 2. Advent spricht Pastor Dr. R. Trost aus Iowa City - USA eine ergreifende Predigt über die Freiheit.
  1. Dezember. Auflösung des Kreisamtes für Nationale Sicherheit
  1. Dezember. Neues Forum ruft zur Montagsdemo auf: 2.000 Bürger kommen
  1. Dezember. 1.“Runder Tisch“ des Kreises Ludwigslust tagt im Gemeinderaum in der Gartenstraße. Die Moderation übernimmt Pastor Romberg. Ab Januar tagt der „Runde Tisch“ regelmäßig am Donnerstag unter der Moderation von Stiftspropst Günther und Pastor Romberg.
  1. Dezember. Initiativgruppe des Neuen Forums organisiert Montagsdemonstration, über 2000 Bürger nehmen teil. Forderungen auf Plakaten: „Demokratie“, „Verschweigen gleich Lügen“, „Freie Wahlen“, „Großdeutschland – Nein Danke“, „Wir fordern Zivilersatzdienst“. Hans Jürgen Zimmermann ruft die Teilnehmer zu Gewaltfreiheit auf.
  1. Dezember. 1. Rund-Tisch-Gespräch der Stadt: Pastor Romberg lud Parteien, Massenorganisationen, das Neue Forum und Vertreter der Kirche ein. Anliegen: Probleme offen ansprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen.